Interview mit Jürgen Prochnow
1. Herr Prochnow, als Herzog Leto Atreides waren Sie 1984 in David Lynchs legendärer Verfilmung von Frank Herberts „Wüstenplanet“ zu sehen. Jetzt, fast 25 Jahre später, lesen Sie einen Teil des Romans als Hörbuch ein. Welche Erinnerungen werden wach?
Beim Lesen des Buches war die Erinnerung an die Dreharbeiten sofort wieder da. David Lynch ist ein begnadeter Regisseur und jeder Tag am Set hat mir Spaß gemacht. Wenn ein Tag vorbei war, habe mich schon auf den nächsten Tag gefreut. Diese Erfahrungen bei den Dreharbeiten haben mir sehr bei der Vorbereitung des Buches und der Aufnahme geholfen, da ich mich gut an die Arbeit erinnern konnte.
2. Wie war Ihre erste Reaktion, als Lübbe Audio Ihnen antrug, die ungekürzte Hörbuch-Fassung des Romans mit einzulesen?
Zuerst habe ich mich sehr gefreut und danach habe ich gedacht, dass ich genau der Richtige dafür wäre. Ich dachte, das ist eine gute Gelegenheit, ein Hörbuch zu lesen, weil ich das immer mal machen wollte. Ich habe nur in Amerika etwas für Mel Brooks gelesen. Ich wusste nicht so recht, was mich erwartet, aber bei den Aufnahmen habe ich gemerkt, dass man sich sehr gut vorbereiten muss. Das Hörbuch ist ein Medium zwischen Buch und Film. Und das Lesen im Studio ist für mich eine neue Erfahrung gewesen, die ich nicht unterschätzen möchte. Es ist ein besondere Herausforderung, diesen Text zu lesen, obwohl ich sehr vertraut mit der Geschichte und mit den ganzen Figuren bin, was mir bei der Vorbereitung sehr geholfen hat. Ich konnte mich auf das verlassen, was ich damals mit David Lynch erarbeitet hatte. „Der Wüstenplanet“ ist nicht leicht zu lesen. Ehe man das Verständnis für die Geschichte hat, dauert das eine Weile. Das Buch ist der Klassiker unter den Science Fiction-Romanen, trotzdem hat es Jahrzehnte gedauert, bis man jemand wie David Lynch gefunden hat, der den Stoff umgesetzt hat.
3. Ist es für Sie eine Herausforderung, bei der Lesung mehr als nur Herzog Leto Atreides bzw. mehr als eine Figur verkörpern und ausdrücken zu müssen?
Ich habe mir vorher darüber Gedanken gemacht und habe andere Leute zu ihren Erfahrungen befragt, z.B. meinen Bruder, der bereits Hörbücher gelesen hat. Das Vorlesen ist eine besondere Herausforderung, weil man die Charaktere unterschiedlich anlegen muss. Schwierig ist dies auch, da einige Figuren erst nach einigen hundert Seiten wieder auftauchen und da muss die Interpretation natürlich die gleiche sein. Einige Figureninterpretationen sind aus der Erinnerung, aus der Rückansicht auf die Charaktere beim Drehen entstanden.
4. Versuchen Sie sich beim Lesen von den Bildern, die der Film vorgegeben hat, zu lösen? Versuchen Sie eine ganz eigene „Hör-Welt“ zu schaffen? Wenn ja, wie, mit welchen Mitteln?
Ein Teil der Bilder, die ich im Kopf habe, hat mir geholfen, den Text bildhaft zu lesen, ihn daraufhin zu interpretieren. Einiges habe ich aber auch neu empfunden und einige Charaktere anders gestaltet. Diese Loslösung von den Filmfiguren im Vergleich zu der Interpretation für das Hörbuch habe ich z.B. bei Gaius Helen Mohiam und Alia, die im ersten Teil ja noch ein Kind ist, als nötig empfunden.
5. David Lynchs Film wurde von 3,5 Stunden auf etwa zwei Stunden gekürzt. Das Buch „dürfen“ Sie nun in voller Länge zum Vortrage bringen. Hätten Sie ein Hörspiel in Filmlänge vorgezogen?
Ich glaube nicht, dass sich das Buch als Hörspiel eignet, weil es ein anderes Medium als das Hörbuch ist. Die Entwicklung eines Hörspielscripts ist wahrscheinlich möglich, aber bestimmt sehr schwierig. Ich denke jedoch, dass bei einer Lesung von dem Stoff, dem Roman, viel mehr erhalten bleibt, als bei einem Hörspiel. Hier in Los Angeles sehe und höre ich immer wieder, dass sehr viele Menschen bei ihrer oft langen Fahrt zur Arbeit Hörbücher hören. So wird es auch in Deutschland sein.
6. Was ist in Ihren Augen das Besondere an der Lesung eines so umfangreichen und komplexen Romans wie dem „Wüstenplanet“?
Das Besondere ist, dass vielen Leuten, die das Buch z.B. aus Zeitgründen nicht lesen würden, mit einer Lesung geholfen wird, sich mit dem Text vertraut zu machen. Es wird heute nicht mehr so viel gelesen, wohl aber mehr gehört.
7. Welche Herausforderungen stellt das Lesen an Sie, den Schauspieler?
Ich denke, dass es eine sehr große Herausforderung ist, im Studio viele Stunden alleine auf sich gestellt zu sein. Man hat keinen Partner für das Spielen der Szenen, man ist ganz allein. Es ist auch eine besondere physische und auch psychische Anstrengung, die man anfänglich unterschätzt. Man kann die Konzentration beim Lesen nur eine bestimmte Zeit halten, ab einem bestimmten Punkt wird es jedoch sehr schwer.
8. „Der Wüstenplanet“ ist ein absoluter Klassiker der Science Fiction-Literatur. Frank Herbert hat ihn bereits 1965 veröffentlicht. Er mischt Zivilisationskritik und philosophische Fragen mit einer spannenden Handlung. Warum ist der Roman aus Ihrer Sicht noch heute lesens- bzw. hörenswert?
„Der Wüstenplanet“ ist der Klassiker des Science Fiction, besonders auch hier in Amerika. Ich habe Frank Herbert bei den Dreharbeiten kurz kennengelernt und konnte mit ihm über sein Buch sprechen. Sein politischer Entwurf und die Auseinandersetzung damit ist jederzeit lesenswert, gilt als eine Parabel für unsere Generationen, über die man immer wieder nachdenken kann.
9. Welchen Aspekt, welche Figur finden Sie im Roman besonders interessant?
Für mich ist die Figur des Baron Harkonnen die faszinierendste – in seiner Machtgeilheit, Widerlichkeit. Er ist ein skrupelloser Machthaber. Natürlich ist Paul Atreides der Held der ganzen Geschichte und auch der Entwurf der Bene Gesserit, die als Hexen beschrieben werden, finde ich sehr interessant. Daneben ist die Schaffung der verschiedenen Welten, der Planeten in ihrer Unterschiedlichkeit bemerkenswert, z.B. Arrakis mit den Würmern, die das Spice bewachen, das wiederum notwendig ist, um durch das Weltall reisen zu können. Der gesamte Entwurf einer anderen Welt ist sehr faszinierend. Dennoch ist für mich Baron Harkonnen die vielschichtigste Figur.
10. Wie stehen Sie selbst zu Science Fiction? Interessiert Sie dieses Genre? Bevorzugen Sie bestimmte Autoren?
Ich kann das nicht generell sagen. Schlechtes Science Fiction finde ich grauenhaft. Der Film „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick aber hat mich mit seinem Entwurf der menschlichen Phantasie geprägt. Ich bin kein besonderer Science Fiction-Fan. So habe ich habe z.B. nie „Star Trek“ gesehen, weil es mich langweilt. Wenn ich von Science Fiction fasziniert bin, dann von einzelne Filme, wie „Dune“.
11. Gibt es nennenswerte Anekdoten rund um die damalige Verfilmung?
Es gibt eine Sache, die ich nie vergessen werde, bei der ich am letzten Drehtag furchtbare Verbrennungen davongetragen habe. Wir haben die Szene, in der Baron Harkonnen Leto Atreides vor sich auf einer Bahre liegen hat, weil er ihn aus seiner sadistischen Laune heraus die Haut vom Gesicht ziehen sollte. Ich hatte mir meinen Bart teilweise abrasiert. Darüber wurde ein falscher Bart geklebt, unter dem ein Gummischlauch angebracht wurde. Geplant war, dass Baron Harkonnen Leto den Bart abreißen und aus dem Schlauch schwarzer Rauch kommen sollte. Jedoch hat niemand damit gerechnet, dass sich der Schlauch erhitzt. Als ich das gemerkt habe, habe ich mir den falschen Bart sofort vom Gesicht gerissen, aber es war schon zu spät und von dem Material war schon zu viel in die Haut reingebrannt. Die Szene wurde nur einmal gedreht, weil ich sofort ins Krankenhaus in Mexico City gebracht werden musste. Ich hatte Verbrennungen zweiten Grades. Im Krankenhaus wurde mir dann einen Salbe aufgetragen, die sich im Laufe des Tages von weiß in schwarz verfärbte. So bin ich dann nach Hause geflogen. Die Brandnarben sind heute noch zu sehen.
(Das Interview führte Kerstin Kaiser am Telefon)
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